Wer hat Angst vorm bösen Hund?


Über die Gefährlichkeit eines Hundes

Autor: Dr. Hans Mosser / Ausgabe: 2010-02

In Abänderung eines bekannten Sprichwortes, mit dem viele Generationen aufgewachsen sind und das heute noch als Ursache mancher archaisch bedingter Hundeangst gilt, soll ein Begriff dargestellt werden, der – wie nachgewiesen werden wird – medial und politisch präsenter ist als der Realität entspricht: Der „gefährliche Hund“. Benutzt als „Medienmonster“ und auch durch politischen Aktionismus entfremden wir uns immer mehr und immer rascher vom ältesten und besten Freund des Menschen, auch Ausdruck einer zunehmenden Naturfeindlichkeit.

Die starke Zunahme der medialen Berichterstattung über Hundebeißunfälle steht völlig im Gegensatz zu den Bissstatistiken, die in den meisten Kommunen durchwegs und kontinuierlich seit Jahren eine signifikante Abnahme von Hundebeißverletzungen dokumentieren. So ist bspw. in Oberösterreich zwischen 2004 und 2007 die Zahl registrierter Hunde von 42.628 auf 54.996 angestiegen, während gleichzeitig die Zahl der angezeigten Bissverletzungen im selben Zeitraum von 458 auf 360 gesunken ist (Amt der oberösterr. Landesregierung, Hundebissstatistik 2007). Das Phänomen ist nicht auf Österreich beschränkt. So sind auch die Hundebissverletzungen etwa in Berlin deutlich rückläufig, im Zeitraum zwischen 2004 und 2007 von 976 auf 859, also um 12 % gesunken, und im Jahre 2008 weiter auf 716, also um 26,6%!

Naturentfremdung und Politik
Wenn es bei sinkenden Verletzungszahlen durch Hunde dennoch zu einer zunehmenden Wahrnehmung von Hunden als Gefahr für den Menschen kommt, dann muss dies andere Ursachen als Beißunfälle haben. Experten sehen diese u.a. darin, dass das älteste Haustier des Menschen in einer mehr und mehr naturfeindlichen Umwelt zunehmend als Belästigung und Störung empfunden wird (J. Etscheidt, 2001). Hundehaltegesetze mit Aufzählung angeblich „gefährlicher Hunderassen“ verstärken diesen Eindruck in der Bevölkerung und setzen einen Circulus vitiosus in Gang, der wohl nicht gewollt, gleichwohl aber Realität ist. Dies beweisen die langjährigen Erfahrungen deutscher Hundehalter mit den Auswirkungen der Hundeverordnungen, die nach dem tödlichen Hundebeißunfall in Hamburg im Jahre 2000 in Kraft traten (s. den Erfahrungsbericht einer Betroffenen).

Medienmonster Hund

Dass manche, insbesondere die sog. Boulevardmedien ein Klima der Hundefeindlichkeit verstärken, ist ebenfalls leicht erklärt. Ein schaurig aufbereiteter Hundebeißunfall mit Darstellung der „Bestie Hund“, der an die längst überwunden geglaubte Urangst vor dem bösen Wolf anknüpft (die mit solchen Artikeln verbundenen Bilder beweisen dies), ist noch allemal interessanter als einer der zahllosen nicht weniger schrecklichen Unfälle zuhause, durch Sport oder Verkehr ...


Den vollständigen Artikel können Sie in der WUFF Ausgabe 2/10 (erhältlich im WUFF-Shop unter http://shop.wuff-online.com/) nachlesen.


Literatur:

·Amt der oberösterreichischen Landesregierung, Hundebissstatistik 2007

·Böttjer A., Untersuchung des Verhaltens von 5 Hunderassen und einem Hundetypus im innerartlichen Kontakt des Wesenstests nach den Richtlinien der Niedersächsischen Gefahrtierverordnung vom 05.07.2000, Diss. Tierärztl. Hochschule Hannover 2003

·Bergler R., Heimtierhaltung aus psychologischer Sicht, Zbl. Bakt. Hyg. B. 1986;183:304-325

·Bergler R., Warum Kinder Tiere brauchen, Herder Verlag 1994

·Breuer U., Seminar: Beurteilung von gefährlichen Hunden, am 19.12.2000 in Stuttgar

·Breuer U., Somatische Ursachen als Auslöser für Verhaltensprobleme und Verhaltensstörungen bei Hund und Katze. Tierärztliche Umschau, 2000: 55,14–21

·Bruns S., Faktoren, die beißende von nicht-beißenden Hunden unterscheiden, Diss. Tierärztl. Hochschule Hannover 2003

·Etscheidt J., Kampfhunde und gefährliche Hunde, Tierärztl. Prax. 2001:152-163

·Feddersen-Petersen D. und Ohl F., Ausdrucksverhalten beim Hund, Enke Verlag 1995

·Feddersen-Petersen D., Hundepsychologie. Sozialverhalten und Wesen. Emotionen und Individualität. Kosmos Verlag, Stuttgart 2004

·Feddersen-Petersen D., Zur Biologie der Aggression des Hundes, Dt. Tierärztlichen Wochenschrift, 2001: 94-101

·Iversen S., Ein Aggressionstest bei Berliner Stadthunden, Diss. Freie Universität Berlin 2008

·Johann T., Untersuchung des Verhaltens von Golden Retrievern im Vergleich zu den als gefährlich eingestuften Hunden im Wesenstest nach der Niedersächsischen Gefahrtierverordnung vom 05.07.2000, Diss. Tierärztl. Hochschule Hannover 2004

·Mittmann A., Untersuchung des Verhaltens von 5 Hunderassen und einem Hundetypus im Wesenstest nach den Richtlinien der Niedersächsischen Gefahrtierverordnung vom 05.07.2000, Diss. Tierärztl. Hochschule Hannover 2002

·Mosser H., Einfluss von Hundehaltung auf Leben und Gesundheit des Menschen, WUFF 7-8/1996:10-11

·Mosser H., Unfallprävention bei Kindern im Umgang mit Hunden, WUFF 3/2002:18-24

·Schalamon J. et al., Analysis of Dog Bites in Children,Pediatrics 2006;117:374-379

·Singer C., Kritische Auseinandersetzung mit der höchstricherlichen Rechtssprechung zu den wesentlichen Problembereichen der Gesetzgebung betreffend den „gefährlichen Hund“ auf der Grundlage ethologischer Erkenntnisse, Diss. Tierärztl. Fakultät der LMU München 2005

·Sommerfeld-Stur I., Zur Frage der besonderen Gefährlichkeit von Hunden auf Grund der Zugehörigkeit zu bestimmten Rassen, 2005 (http://www.sommerfeld-stur.at/gefahren/rassen)

·Stefan C., Tiefenanalyse tödlicher Verkehrsunfälle, Z. f. Verkehrsrecht, 2008:366-368

·Steinfeldt A., „Kampfhunde“, Geschichte, Einsatz Haltungsprobleme von „Bull-Rassen“, Diss. Tierärztl. Hochschule Hannover 2002

·Wiesner D. et al., Untersuchungen zum Verhalten des Hundes im Zusammenleben mit dem Menschen. Tierärztl. Prax. 2000;28:239-246

·WUFF-Red., Studie erstellt Risikoprofil von Hunderassen, WUFF 2006