Wege zum "kindersicheren" Hund


Autor: Achim Janßen / Ausgabe: 2002-09

Im ersten Teil (in WUFF 7-8/2002) dieses zweiteiligen Artikels des Hundeexperten Achim Janssen ging es um die Aufgabe der Eltern, die Regeln für den Umgang im Sozialgefüge Kind/Hund/Familie aufzustellen und darauf zu achten, dass sich sowohl das Kind als auch der Hund daran halten. Nun geht es in diesem Zusammenhang um konkrete Informationen zur Erziehung des Hundes. Aus der Praxis für die Praxis.

Der Hund lernt ständig, d.h. 24 Stunden am Tag. In den Bemühungen um die Erziehung des Hundes ist daher ein absolut konsequentes Vorgehen erforderlich. Einmal aufgestellte Regeln gelten nicht nur in der häuslichen Umgebung, sondern auch bei Besuchen, z.B. in der Verwandtschaft. Kinder sind nicht in der Lage, das gesamte Spektrum der aufgestellten Regeln zu überblicken und mit Konsequenz zu verfolgen. Bitte untersagen Sie den Kindern daher jegliche Erziehungsversuche. Sonst müssen Sie in Kauf nehmen, dass alle Ihre bisherigen Bemühungen in Windeseile zunichte gemacht werden.

Häufig gemachte Fehler
Verfolgt man die Entwicklung von so genannten „Problemhunden“, so stellt man oft fest, dass immer wieder die gleichen banal wirkenden Fehler gemacht werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind im Kasten einige der Fehler angeführt, die Sie von Anfang an vermeiden sollten. Auch an dieser Stelle der Hinweis, dass das Nichtbeachten dieser Grundsätze nicht automatisch Schwierigkeiten nach sich ziehen muss. Die Praxis zeigt jedoch, dass in Fällen einer aus den Fugen geratenen Rangordnung stets das Fehlen dieser oder anderer, hier nicht eigens erwähnter Verhaltensweisen ursächlich für die Probleme war. Handeln Sie daher nach dem Grundsatz: Wehret den Anfängen.
Insbesondere als „Hundeanfänger“ sollten Sie sich – was die Erziehung des Hundes betrifft – in einer guten, nach den Grundsätzen moderner Erziehungsmethoden arbeitenden Hundeschule beraten lassen.
Werden Sie skeptisch, wenn die Erziehungsmethode auf Druck basiert, der erst vom Hund genommen wird, wenn er das gewünschte Verhalten zeigt. Kein Hund führt Ihnen zuliebe ein Kommando aus, sondern für die Belohnung, welche am Ende der erfolgreich abgeschlossenen Übung winkt. Zu den negativen Erziehungsmethoden gehört auch der Leinenruck, der leider noch weit verbreitet von den „ewig gestrigen“ Hundetrainern angewendet wird.

Die Beschäftigung des Hundes
Viele unserer vierbeinigen Familienmitglieder fristen ein sehr trostloses Dasein. Ohne die Möglichkeit von Sozialkontakten mit Artgenossen gehen Herrchen oder Frauchen täglich dieselbe langweilige Strecke, damit der Hund sich lösen kann. Vollkommen unterfordert geht er zurück nach Hause, um die erste Mahlzeit einzunehmen.
Nach einer 8- bis 9-stündigen „Verschnaufpause“, während der sich der Hund möglichst unauffällig zu verhalten hat und ggf. zum Spielball allzu eifriger Kinder wird, folgt der langersehnte 10-minütige Abendspaziergang. Der danach gefüllte Napf bildet den abschließenden Tageshöhepunkt. Hunde, die einen solchen Tagesablauf über sich ergehen lassen müssen, sind sehr bedauernswerte Geschöpfe, weil ihren Grundbedürfnissen keinerlei Beachtung geschenkt wird. Die Praxis zeigt, dass es sich hierbei leider um keine Einzelfälle handelt.
Es liegt auf der Hand, dass sich ein derart „verkümmerter“ Hund unerwünschte Verhaltensweisen aneignen kann, die wiederum problematisch werden können, insbesondere für Kinder. Nehmen Sie Ihren Hund als sozialen Partner mit all seinen Bedürfnissen ernst und behandeln Sie ihn entsprechend. Bieten Sie ihm genügend Auslauf und ermöglichen Sie ihm Sozialkontakte mit seinen Artgenossen. Sorgen Sie mit kleinen eingebauten Trainingseinheiten und Suchspielen für die nötige körperliche und geistige Auslastung Ihres vierbeinigen Familienmitgliedes.

Die Qual der Wahl: Welcher Hund ist der richtige?
Den schon von der Rasse her „kindersicheren“ Hund gibt es nicht. Bei der Entscheidung für einen bestimmten Hund sollten daher folgende Überlegungen in Erwägung gezogen werden.
Haben Sie selbst einen Säugling und möchten einen Welpen hinzu nehmen, so beachten Sie, dass auch der Welpe in den kommenden Monaten Ihre volle Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert. Trauen Sie sich diese Doppelbelastung durch „2 Babys“ zu? Ein erwachsener Hund lässt sich schneller in die Familie integrieren, jedoch sollte der Ablauf seiner Sozialisationsphase bekannt sein. Anspruchsloser ist er dennoch nicht.
Welpen haben sehr spitze Zähne. Die Beißhemmung muss erst erlernt werden. Im Spiel mit kleinen Kindern kann es daher eher zu Verletzungen kommen.
Kleinere Hunde sind durch unachtsame Aktivitäten der Kinder ggf. eher zu verängstigen und auch zu verletzen. Verängstigte Hunde können schnappen oder beißen, um sich ihrer Haut zu wehren.
Speziell auf Wachsamkeit gezüchtete Hunde können bei häufigem Besuch befreundeter (aber nicht zum Rudel gehörender!) Kinder eher zu territorial bedingter Aggression neigen.
Insbesondere kleinere Terrierrassen, von den Züchtern häufig angepriesen als leicht zu erziehende Familienhunde, erweisen sich oft als äußerst furchtlose und hartnäckige Familientyrannen. Selbstverständlich jedoch gibt es auch hier wohlerzogene Ausnahmen.
Lassen Sie Sich bei der Wahl der für Sie richtigen Rasse nicht vom niedlichen Aussehen der Hunde oder von Modeerscheinungen leiten, sondern nehmen Sie sicherheitshalber auch die Beratung durch eine gute Hundeschule in Anspruch.

Schlussbetrachtungen
Auch bei Beachtung der wichtigsten Präventionsmaßnahmen können Beißunfälle mit Kindern, wie sie täglich passieren, nie ganz ausgeschlossen werden. Es ist immer die Gesamtheit der auf den Hund einwirkenden Reize, die ein bestimmtes Verhalten auslösen kann. Auch das Hinfallen des Kindes kann u. U. ein Beutefangverhalten des sonst „braven“ Hundes auslösen, das zu einem Beißunfall führen kann.
Leider gab es in dem Zusammenhang auch schon Todesfälle, wobei der genaue Hergang häufig auch deshalb nicht aufgeklärt werden konnte, weil keine kompetente erwachsene Person zum Zeitpunkt des Unfalls anwesend war.
Und so legen wir Ihnen zum Abschluss eines noch einmal eindringlich ans Herz: Lassen Sie niemals Kinder mit Hunden unbeobachtet allein! Aus dieser Verantwortung, aus dieser Aufsichtspflicht kann Sie, die Erwachsenen, niemand entlassen!




>>> ÜBERSICHT


Kindersicherer Hund?
Zur Information eine kurze Übersicht über die in beiden Teilen behandelten Themenbereiche.

Teil 1 in WUFF 7+8/2002
- Die ersten Schritte: Wenn der Welpe noch beim Züchter ist.
- Sozialisationsphase: Welpen und Kinder. Worauf soll man achten?
- Generelle Umgangsformen mit dem Hund
- Konfliktsignale beachten
- Hierarchie im Familienrudel
- Mitwirkung der Kinder an der Hundeerziehung?
- Rechtzeitig bemerken: Anzeichen für Rangordnungsstörungen.

Teil 2 in WUFF 9/2002
- Die Erziehung des Hundes: Praktische Tipps.
- Die Beschäftigung des Hundes: Bestimmt auch sein Verhalten mit!
- Entscheidung für einen bestimmten Hund: Was beachten?

Weitere Artikel zum Thema:
WUFF 3/2002:

- Dr. H. Mosser: Unfallprävention bei Kindern im Umgang mit Hunden.
- Dr. H. Mosser: Hunde-Beißunfälle bei Kindern und Jugendlichen: Eine Metaanalyse der Risikofaktoren.
Beide Artikel als pdf-files auf
www.wuff.at

WUFF 4/2002:
Kind & Hund: Experten geben Rat (Dr. Feddersen-Petersen, Prof. Dr. Bubna-Littitz, Dr. Hellmuth Wachtel)



>>> WUFF - INFORMATION


Erziehung: Fehler, die Sie vermeiden sollten

- Nie das Futter stehen lassen, sondern zu bestimmten Fütterungszeiten verabreichen und Reste sofort danach entfernen (Wasser steht immer zur Verfügung!).
- Nicht an strategisch wichtigen Stellen füttern (z.B. in der Küche).
- Nichts vom Tisch oder der Anrichte geben.
- Kein Liegeplatz an strategisch wichtigen Stellen (Durchgang, Treppenabsatz, etc.).
- Fordern Sie während Sie essen „Individualdistanz“ – ein Privileg auf die Einhaltung eines Mindestabstands, das nur dem Ranghöchsten zusteht und auch regelmäßig eingefordert werden sollte. Der Hund hat dann unter dem Tisch nichts zu suchen!
- Leiten stets Sie Aktionen ein, auf die der Hund reagieren soll, und beenden Sie diese auch, bevor der Hund es tut. Ignorieren Sie aufmerksamkeitsheischendes Verhalten des Hundes (nicht ansprechen, nicht anschauen, nicht anfassen!), sondern rufen Sie den Hund zu sich, wenn Sie ihn streicheln möchten.



>>> WUFF - INFORMATION


Der eigene Garten

Immer wieder trifft man Hundehalter an, die ihrem Hund keinerlei Beschäftigung anbieten und – darauf angesprochen – argumentieren, der Hund könne schließlich auch in den Garten gehen oder sich im ganzen Haus frei bewegen und beschäftigen. Bedenken Sie, dass auch der schönste Garten mit seinen stets gleichen eintönigen Gerüchen keinen Spaziergang mit Beschäftigung durch den Halter und der Möglichkeit von Sozialkontakten mit Artgenossen ersetzen kann. Der Hund kann keine „Hobbys pflegen“ wie sein Halter, sondern ist auf die Aufmerksamkeit, die Sie ihm zuteil werden lassen, angewiesen.



>>> WUFF STELLT VOR


Der Autor

Der Hundefachmann Achim Janssen lebt mit seiner Frau Birgitt (sowie 5 Hunden und 5 Katzen) in NRW. Sein besonderes Interesse gilt dem Problemverhalten bei Hunden.
- www.auf4pfoten.de
- achim.janssen@auf4pfoten.de