Liebe Brigitte! Was soll ich bloß tun? Selbst an meinem Geburtstag hat mich das rauhe Leben wiedermal an die Wand geklatscht: Jawohl, das Übliche - immer, wenn man sich recht von Herzen freut, lauert hinterrücks die Kehrseite derselben Medaille.
Mein lieber Mann, treusorgend wie immer, hat beim Trödler ein wunderschönes altes Geschirr für mich ergattert. Zwar ist es, von unten her betrachtet, ein wenig ausländisch - Myotts Country Life - sodaß sich eine ehrliche deutsche Hausfrau logischerweise nur verhalten freuen kann, aber das wäre noch nicht so schlimm. Richtig furchtbar ist, das Zeug gehört in Wahrheit zur Sorte „Staffordshire Earthenware“. Nun wissen wir durch unseren Hund längst, was es mit dem Begriff Staffordshire heute auf sich hat: Kategorie 1 der Rasseliste unserer Regierenden.
Kampfgeschirr Staffordshire Earthenware In unseren Haushalt hat sich also genau an meinem Geburtstag unwiderlegbar gefährliches Kampfgeschirr eingeschlichen. Meine Küche wurde zum Hort der Illegalität, liebe Leute! Zugegeben - eine ordentliche deutsche Hausfrau war ich sowieso nie. Aber jetzt bin ich auch noch eine Kampfköchin der Kategorie 1. Ich ahne es, all dies wird mich gewiß noch in den Wahnsinn treiben: Man stelle sich vor, ich kriege beim Abwasch einen glitschigen Teller nicht richtig zu fassen und er geht in Scherben . Mit so einer Staffordshire Kampfscherbe kann ich zweifellos einiges anstellen ... Denn fast alles, was der Mensch in die Hand nimmt, kriegt er zur tödlichen Waffe gegen seinesgleichen hingebogen. Aber zurück zu meinem Frühstückstisch. Sogar Poridgeschälchen sind bei meinem Kampfgeschirr dabei, das müssen Sie sich einmal vorstellen, liebe Brigitte! Logisch ist das landesweite Theater um Staffordshire Ware inzwischen groß. Wo es bisher jahrelang friedlich bei seinen Besitzerinnen im Buffet stand, darf es das nun nicht mehr. Die Menschen fürchten sich, von solchem Geschirr zu essen. Sie stellen es an den Straßenrand. Binden es irgendwo an. Falls sie es behalten wollen wie bisher, weil sie sich daran gewöhnten und es unter ihren Händen nie auffällig geworden ist, müssen sie vor Regierungsköchen erscheinen. Sie müssen entsprechend der neuen Geschirrbenutzerverordnung Sachkunde im richtigen Umgang mit ausländischen Tassen und Tellern nachweisen.
Staffordshire Kampfscherbe Zeitungen überschlagen sich mit Horrormeldungen von verkleckerter Suppe oder von Staffordshire Tellern gefallenen Kartoffeln. Amtsblätter bitten um Mithilfe beim Aufspüren von Gattinnen, die ihren Männern den Kaffee immer noch in Staffordtassen zu servieren wagen. Schon gehen aufgehetzte Hausfrauen herum und zerschlagen der Nachbarin das ausländische Geschirr. Auch Mettlach ist betroffen und dessen französische Nachfahren Villeroi & Boche. Dabei kriegt man mit einem kultigen Schäferspiel aus Meißner Porzellan genau solche gefährlichen Kampfscherben hin wie mit Staffordshire Earthenware, falls das einer will. Aber um deutsches Geschirr geht es hier nicht.
Brigitte - Was soll ich jetzt tun? Mein lieber Mann, das sei ausdrücklich gesagt, hat unwissentlich gehandelt, als er das schreckliche englische Zeug für mich ranschaffte. Er kannte die unwiderlegbare Gefährlichkeit dieser Sorte nicht. Er fand das Muster einfach nur hübsch und passend für ein Landhaus. Auch tat es ihm leid, daß es beim Trödler rumstand. Er dachte, ich würde mich freuen. Ich hätte mich gefreut, wenn ich nicht ausgerechnet in Deutschland wohnen würde. Liebe Brigitte, beste Freundin aller deutschen Hausfrauen, was also soll ich jetzt tun? Hochachtungsvoll, Su Winter.
| >>> WUFF STELLT VOR | | Die Autorin Su Winter mit ihrem Hund Eisenstein, der die in Deutschland derzeit verhängnisvolle Bezeichnung Staffordshire im Rassenamen trägt. Eisenstein hat nach einem Leidensweg durch verschiedene Familien und Halter bei Su und ihrem Mann endlich ein glückliches Zuhause gefunden. Mehr über Eisenstein können Sie in Su Winters Buch nachlesen: „Kampfhund sucht Schutzengel“, Kynos Verlag 2000, D-54570 Mürlenbach, Telefax +49-(0)6594/ 452.
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