Man merkt es nicht gleich, doch irgendwann sind sie da, die ersten weißen Haare, die untrüglichen Vorboten des Älterwerdens. Wehmütig rechne ich zurück. Kann es denn wirklich sein, dass Scotty schon sechs Jahre bei uns ist? Er sieht mich an mit seinen schönen rehbraunen Augen, das Schnäuzchen schon weiß eingerahmt: „Ja, es kann."
Der Hund, der plötzlich da war Begonnen hatte alles im niederösterreichischen Eggenburg, einem malerischen kleinen Städtchen im Waldviertel. Dort war der junge Scotty wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte beim Versuch, ihn einzufangen, zugeschnappt und dadurch große Aufregung verursacht. Die Amtstierärztin rief uns an, den großen schwarzen Hund so schnell wie nur möglich abzuholen. Ob Rüde oder Hündin wagte sie nicht festzustellen, denn dazu wäre eine engere Annäherung vonnöten gewesen.
Aus Soletti wird Scotty Wir hatten damals – noch im alten Tierheim – weder Zwinger noch irgendein Nebenkämmerchen frei, um den verängstigten Findling unterzubringen, doch in der Tierpension Fuchsenbigl bei Frau Stroh konnten wir ein Zimmer zum Tierschutz-Tarif ergattern. Scotty war so entsetzlich mager und sah dadurch noch um einiges langbeiniger aus, sodass Frau Stroh ihm augenblicklich den Namen Soletti verpasste. Einigermaßen aufgepäppelt und erholt holten wir Soletti einige Wochen später zu uns. Aus Soletti wurde Scotty. Seither lebt der hochbeinige sensible Rüde im Tierheim.
Ist ein bisschen Zeit zu viel verlangt? Es ist nicht etwa sein schwieriger Charakter, der ihn zum lebenslangen Tierheiminsassen vergattert. Natürlich braucht er verständige Tierfreunde, die ihm Zeit lassen, Vertrauen aufzubauen, die bereit sind, ihn über mehrere Wochen zu besuchen, die damit umgehen können, dass er Fremden gegenüber unsicher oder ängstlich reagiert. Doch das sind keine so hohen Anforderungen, dass sie nicht zu bewältigen wären. Denn Scotty hat viele liebenswerte Eigenschaften, die ein bisschen Anlaufzeit mehr als wettmachen. Er ist wunderbar verträglich mit Hunden beiderlei Geschlechts, er ist anhänglich, liebesbedürftig und zeigt seine Freundschaft auf rührende Weise. Er hat Spaß, mitzuarbeiten, ist leicht motivierbar, gut leinenführig. Und er fährt gerne mit dem Auto mit.
Blondinen bevorzugt? Scotty wird vielmehr einfach übersehen und das schon seit Jahren. Er hat das Pech, in einer Zeit ein Zuhause herbeizusehnen, in der helle blonde Hunde wie Golden Retriever und Labrador Retriever den Zeitgeist diktieren. Scotty ist schwarz und groß, er passt nicht ins „Beuteschema" der Hundehalter in spe, er ist rein optisch gesehen „aus der Mode". Doch vielleicht ist gerade das jetzt sein großes Plus, und jemand, der diese Geschichte gerade liest, denkt ernsthaft darüber nach, um wie vieles interessanter es doch wäre, einen Hund an seiner Seite zu wissen, der nicht untergeht im Getümmel der unzähligen Goldies …
Fotos, die zeigen, wie es sein könnte, wenn … Spaziergeherin Tatjana Gross weiß, dass Scotty ein ganz wundervoller Begleiter ist, wenn er nur endlich die Chance dazu erhält. Seit einigen Wochen kümmert sie sich mehrmals die Woche um ihn, unternimmt Spaziergänge in der näheren Umgebung, versteckt Leckerchen in der Wiese und gibt ihm das Gefühl, nicht mehr ganz allein zu sein. Wie schnell Scotty auftaut und wie rasch sein Vertrauen in dieser kurzen Zeit gewachsen ist, ist auf den Fotos unübersehbar. Fotos, die zeigen, wie es sein könnte, wenn jemand ganz für ihn da wäre. Ein schöner oft geträumter Traum, der noch immer Wirklichkeit werden kann, denn Scotty hat noch so viele Jahre vor sich. Und so wartet er – jeden Tag ein kleines bisschen heller um die Schnauze –, ob dieser eine Mensch kommen wird, der Ja zu ihm sagt. Bis dahin wird seine Freundin Tatjana sich um ihn kümmern. Sie hat es ihm fest versprochen. Kontakt: www.tierheim-krems.at oder Tel.: +43 (0)2732/847 20
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