Kastration der Hündin: Wesensveränderungen?

Prof. Bubna-Littitz, Leiter der tierpsychologischen Beratungsstelle der veterinärmedizinischen Universität Wien, auf Fragen eines WUFF-Lesers.

Rudolf Holzmann: Als Leser Ihrer Zeitschrift "Wuff" hätte ich gerne eine unabhängige Auskunft. Wir stehen vor dem Problem, ob wir unsere ca. 3-jährige Mischlingshündin sterilisieren lassen sollen. Es stört uns weniger, wenn sie läufig würde. Dann müßte sie eben im Haus bleiben. Unsere Bedenken sind vielmehr, ob die Hündin durch die Operation eine Wesensänderung durchmacht. Und ist die Krebsgefahr bei nicht sterilisierten Hündinnen wirklich so groß, wie man immer hört?

Prof. Bubna-Littitz:
Zunächst eine Begriffsklärung: Unter Kastration, sowohl beim Rüden als auch der Hündin, versteht man die Entfernung der Keimdrüsen, also der Hoden bzw. der Eierstöcke. Bei der Sterilisation hingegen wird das Tier unfruchtbar gemacht, nicht durch Entfernen der Keimdrüsen, sondern zum Beispiel durch Unterbinden des Samen- bzw. Eileiters. Die hormonelle Funktion der Keimdrüsen bleibt dabei unbeeinträchtigt, sodaß Läufigkeit und Sexualtrieb sowohl beim Rüden als auch bei der Hündin erhalten bleiben. Es ist also vollkommen korrekt, wenn man auch bei der Hündin von Kastration spricht.

Warum die Hündin kastrieren?
Die Kastration der Hündin wird meist durchgeführt, um die für manche Hundebesitzer unangenehmen Begleiterscheinungen der Läufigkeit zu umgehen: Absonderung blutigen Sekretes oder Belästigung durch Rüden. Letzteres kann man durch Verabreichung vollkommen unschädlicher Chlorophylltabletten, die ohne Rezept in Apotheken erhältlich sind, mildern: Chlorophyll wirkt dem typischen Geruch der läufigen Hündin entgegen. Ein anderer Grund ist der Wunsch, das Risiko von Krebserkrankungen der Brustdrüse zu vermindern oder auch um die Scheinträchtigkeit zu verhindern.

Krebsrisikominderung
Bei Kastration vor der ersten Läufigkeit sinkt das Risiko für die Entstehung von Mammatumoren auf 15 %, bei Kastration vor der 2. Läufigkeit auf 25 % ab, verglichen mit Kontrolltieren. Eine Kastration nach der zweiten Läufigkeit führt zu keiner Risikominderung mehr. In Relation dazu sollte man aber auch sehen, daß das Risiko für die Entwicklung von Milchdrüsenkrebs der Gesamtpopulation der Hunde nach Dorn (1968) nur bei 0,198 % liegt.

Aggression
Keineswegs ist die Kastration der Hündin geeignet, aggressives Verhalten zu vermindern: In einer derzeit laufenden Studie von Mag. Alexandra Gillich zeichnet sich nämlich ab, daß ca. 1/3 der kastrierten Hündinnen eine Androgenisierung (Vermännlichung) des Verhaltens zeigt (z.B. rüdenartiges Beinheben beim Harnabsatz und vermehrtes Markieren). Bei 1/9 der in der Studie stehenden Hündinnen kann eine Zunahme der Aggressivität bemerkt werden. Vermutlich werden nach der Kastration in der Nebennierenrinde vermehrt männliche Geschlechtshormone gebildet (testosteronähnliche Substanzen).

Die Alternative
Von der dauernden Läufigkeitsunterdrückung mittels Hormonen möchte ich abraten, da in einzelnen Fällen eitrige Gebärmutterentzündungen auftreten können, die meist vom Tierbesitzer sehr spät erkannt werden und letztlich eine Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter) erfordern. Diese Operation muß dann an der Hündin durchgeführt werden, die sich in einem oft schlechten Allgemeinzustand befindet, wodurch das Operationsrisiko sicher weitaus höher ist, als bei der Kastration einer gesunden Hündin.

Wenn, dann frühzeitig
Entschließt man sich nach eingehender Beratung durch den Tierarzt zur Kastration, so sollte diese also möglichst frühzeitig erfolgen, um das Krebsrisiko zu mindern. Es sollte aber auch bedacht werden, daß die Läufigkeit ein normaler physiologischer Prozeß ist: Niemand käme auf die Idee, einem Mädchen vor der Pubertät Gebärmutter und Ovarien zu entfernen, um das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, zu vermindern.



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Nebenwirkungen der Kastration

• Harnträufeln (Inkontinenz):
Die Häufigkeit des Auftretens der Inkontinenz hängt vom Körpergewicht ab: Bei Hündinnen mit weniger als 20 kg Körpermasse werden 10 %, bei Hündinnen mit mehr als 20 kg Körpermasse werden 30 % inkontinent. Die Inkontinenz bedarf dann einer andauernden medikamentösen Behandlung.

• Gewichtszunahme
Nach der Kastration ist eine kontrollierte Fütterung erforderlich!

• Haarkleid
Insbesondere bei langhaarigen Hunden (z.B. Spaniels, Irish Setter) kann es durch vermehrtes Wachstun der Wollhaare zum sogenannten "Welpenfell" kommen. Bei kurzhaarigen Hündinnen kann eine symmetrische Verminderung des Haarwachstums auftreten.

 

 

Aus WUFF-Ausgabe 2001-05