Kongressauftakt Canine Science Forum in Wien: Hund hat kein Gewissen


Hunderte Experten tagen bis 28. Juli in der Hauptuniversität

27.07.2010 / APA

Wien - Mit einer Willkommens-Veranstaltung hat gestern, Sonntag, der weltgrößte wissenschaftliche Kongress zum Thema Mensch und Hund in der Universität Wien begonnen. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Zwei- und Vierbeiner, die in vielerlei Hinsicht rätselhaft bleibt. Diese wird aus diversen Blickpunkten beleuchtet: über die Genforschung zu Verhaltensanalysen bis zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des jahrtausendelangen Zusammenlebens. Neueste Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Tiere ihre Bezugspersonen viel besser als bisher angenommen verstehen und sich erstaunlich gut auf diese einstellen können.
Ein erstes Fazit des präsentierten Forschungsstandes zeigt: der Mensch interpretiert das Verhalten seiner pelzigen Freunde weiterhin meist viel zu menschlich. Auch wenn "Frauerl" und "Herrl" beispielsweise noch so felsenfest davon überzeugt sind, dass ihr Liebling diesbezüglich allen Artgenossen überlegen ist: ein schlechtes Gewissen kennen Hunde nicht. Wie Forscherin Alexandra Horowitz vom Barnard College, Columbia University (USA) im Rahmen einer empirischen Untersuchung festgestellt hat, reagieren die Partner mit der kalten Schnauze eindeutig auf das Verhalten des Menschen und nicht auf ihr eigenes - meist mit dem typischen "schuldbewussten" Blick.
Hunde können sich nicht im herkömmlichen Sinn schämen, legen aber sehr wohl Beschwichtigungssignale an den Tag, die als schlechtes Gewissen (fehl)interpretiert werden können und oft werden. Wenn der Halter nicht über das tatsächliche Verhalten seines Tieres informiert ist und ein schlechtes Benehmen einfach nur annimmt, reagiert der Hund allerdings genauso, als hätte er die Missetat tatsächlich begangen: mit Unterwürfigkeit und Beschwichtigung, wies Horowitz nach. Das Tier möchte seinen Menschen einfach gewogen stimmen - auch wenn dieser ihm Unrecht tut.
Was Recht und Unrecht aus Hundesicht betrifft, sprechen im Übrigen einige Anzeichen dafür, dass Hunde über einen gewissen Sinn für Fairness verfügen. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, sinkt die Kooperationsbereitschaft und der Wille, dem Zweibeiner zu gefallen. Ob dies allerdings auf eine Art natürlichen Gerechtigkeitssinn oder massive Überforderung und Verwirrung bei nicht nachvollziehbarem Verhalten ihrer Bezugspersonen zurückzuführen ist, bleibt eine umstrittene Frage.
Neben den Haushunden widmen sich die Wissenschafter auch deren nächsten biologischen Verwandten, anderen Caniden. Am besten untersucht ist bis dato das Verhalten der Wölfe. Doch auch wenn sie alle gemeinsame Urahnen haben: selbst mit der Flasche aufgezogene Wölfe entwickeln niemals eine derart enge Bindung zum Menschen wie Wuffi und Bello, die im Zweifelsfall an einer Kooperation interessiert sind. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass Hunde sehr wohl zwischen Spiel und Ernst unterscheiden können, etwa wenn sie einen Gegenstand bewachen sollen. Meister Isegrim will diesen, im Gegensatz zu seinem domestizierten Verwandten, einfach nicht mehr herausrücken.